Pilotenstreik bei Lufthansa Classic- Vordergrund und Hintergrund

Das Machtspiel geht weiter – Piloten fordern Grundsätzliches und wollen auch im Unternehmen mitsteuern

Am 2. September hat Lufthansa rund 800 Flüge gecancelt. Die Pilotenvereinigung Cockpit hatte ihre Mitglieder zum Streik aufgerufen. Vordergründig kämpfen die Piloten um mehr Geld, doch es geht um Grundsätzliches. Der eintägige Ausstand könnte somit der Auftakt für eine Streikserie werden, ähnlich wie in den Jahren 2014 bis 2016. Damals legten Kapitäne und Co-Piloten insgesamt 14-mal die Arbeit nieder.

Es geht um Grundsätzliches – für die Flugzeuglenker wie auch für das Topmanagement um Konzernchef Carsten Spohr. Das Reizwort heißt `Cityline 2´.

900 Euro mehr pro Kopf und Monat bot das Unternehmen zuletzt an. Den Lufthansa-Pilotinnen und -Piloten reicht das nicht. Um die Löhne aber geht es vielen der gut bezahlten Flugzeugführer nur vordergründig. Auf die Barrikaden gehen sie für ein anderes Ziel. De facto kämpfen die Piloten und ihre Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) gegen eine Aushöhlung der Tarifverträge durch die Lufthansa.

Lufthansa-intern wird das Projekt `Cityline 2´ genannt, das die Kapitäne so wütend macht. Der Ableger soll unter der Marke Lufthansa Flüge durchführen, das Personal an Bord aber weniger verdienen als bei Lufthansa Classic – so wollen es Konzernchef Carsten Spohr und seine Mitstreiter.

Mit den bestehenden Vergütungsstrukturen seien Kostensenkungen nicht möglich, argumentiert das Management. Und ohne diese Kürzungen sei die Lufthansa international nicht wettbewerbsfähig. So erwirtschafte ein Airbus A320 gerade mal eine Million Euro Gewinn im Jahr. Trotz der knappen Marge könne ein A320-Pilot bei Lufthansa Classic bis zu 280.000 Euro per annum verdienen. Bei `Cityline 2´ sollen die Gehälter auf rund 200.000 Euro gedeckelt werden.

Nur wenige Kollegen aber erreichten die 280.000 Euro überhaupt, so die Argumente der Piloten. Sie wollen einen Dammbruch vermeiden. Im Arbeitskampf allerdings dürfen sie offiziell nur über offene Punkte im Tarifvertrag streiten, das Projekt `Cityline 2´ gehört nicht dazu.

Würden die Piloten klar aber aussprechen, wofür sie streiken, könnte Lufthansa den Arbeitskampf per Eilverfahren gerichtlich unterbinden lassen. Aus diesem Grund betont VC-Tarifchef Marcel Gröls daher immer wieder, dass es sich um „ganz normale Tarifverhandlungen“ handele.

Konzerntarifvertrag (KTV) für die Piloten wirkt wie eine Fessel

Für Konzernchef Carsten Spohr ist der Konflikt schwer lösbar. Der 30 Jahre alte Konzerntarifvertrag (KTV) wirkt inzwischen wie eine Fessel. Der KTV rang den Piloten 1992 bis zu 30 Prozent Gehalt ab und rettete Lufthansa damals vor dem Untergang.

Im Gegenzug sicherte der Konzern den Flugzeugführern zu, den Tarifvertrag auch bei den seinerzeit bestehenden Tochtergesellschaften unter bestimmten Bedingungen umzusetzen. Die Zusage gilt unbefristet. Um sie zu umgehen, ersinnt das Lufthansa-Management immer wieder neue komplizierte Ausgründungen.

So etwa sollte 2014 eine neue Billigtochter für Langstrecken unter dem Namen `Wings´ gegründet werden. Sie ging nie an den Start. Ein Jahr später feilte Spohr an einem Billigableger, der von außen für Passagiere nicht erkennbar sein sollte. Die Operation lief konzernintern unter dem Codenamen ´Jump´: Piloten einer Tochtergesellschaft sollten Langstreckenflieger vom Typ A340-300 zu Ferienzielen steuern.

Die längst abgeschriebenen Maschinen sahen äußerlich aus wie Lufthansa-Jets, am Leitwerk prangte der Kranich. Im Cockpit hingegen sollten statt gut bezahlter Lufthansa-Piloten fortan Kolleginnen und Kollegen der Kurzstreckentochter Cityline sitzen – zu rund einem Viertel geringeren Kosten. Auch dieser Vorstoß versandete.

Die Coronakrise hätte der Konzernführung Anlass gegeben, den lästigen Tarifvertrag endlich abzuschütteln: Bei einer Insolvenz in Eigenverwaltung wäre auch der KTV hinfällig gewesen. Damit sei eine riesige Chance vertan worden, so die Aussage eines Beteiligten.

Am Ende wollten weder das Management noch der Staat die Airline in die Pleite schicken.

Die Vereinigung Cockpit gibt sich kampfbereit. Will heißen: Weitere Streiks sind jederzeit möglich.

Quellen: Vereinigung Cockpit, Lufthansa, Spiegel online, Handelsblatt

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