
Das zweite Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festival 2026, das im Kurhaus in Wiesbaden stattfand, wurde mit drei Meisterwerken eröffnet: mit Borodins Polowetzer Tänzen, Rachmaniows Zweitem Klavierkonzert und Elgars Enigma-Variationen. Im Mittelpunkt stand der japanische Pianist Hayato Sumino, der mit seiner virtuosen und und poetischen Interpretation des Rachmaniow-Konzerts begeisterte. Gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester schuf er ein eindrucksvolles Konzerterlebnis und einen gelungenen Auftakt zur neuen Saison.
Die Polowetzer Tänze von Alexander Borodin
Kaum hebt die wunderbare Musik des hr Synfonie-Orchesters unter der Leitung von Chefdirigent Alain Altinoglu an, öffnet sich ein Tor in eine ferne Welt. Weite Steppen scheinen vor dem inneren Auge aufzuziehen, erfüllt von wunderbaren Düften, vom Glanz orientalischer Farben und vom pulsierenden Leben eines nächtlichen Festes. Mit den Polowitzer Tänzen schuf Alexander Borodin eine der mitreißendsten und farbenreichsten Szenen der russischen Opernliteratur. Ursprünglich bilden sie den glanzvollen Abschluss des zweiten Aktes seiner Oper „Fürst Igor“. Sie werden jedoch seit langem auch als eigenständiges Konzertstück aufgeführt. So geschehen beim Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals 2026 am 21. Juni im Kurhaus in Wiesbaden.

Der prächtige Thierschsaal ist ein wunderbarer Rahmen für die Konzertfassung. Borodin verstand es es wie kaum ein anderer, orchestrale Farben zum Leuchten zu bringen. Die berühmten Melodien scheinen aus einer uralten Erinnerung aufzusteigen, während die tänzerischen Impulse unaufhaltsam mitreißen. Die Polowetzer Tänze sind weit mehr als eine Folge effektvoller Orchesterstücke. Sie sind eine musikalische Vision von Freiheit, Sehnsucht und Lebensfreude, ein Fest der Fantasie und der Sinne. In der zwölfminütigen Konzertfassung verdichten sie die ganze Magie der russischen Romantik, zu einem Augenblick voller Farben, voller Leidenschaft und voller zeitlosen Schönheit, die große Musik unsterblich macht.
Hayato Sumino fasziniert mit seiner Ausdruckskraft
Mit über 2,2 Millionen Followern auf seinem Social Media Plattformen hat der junge, 30jährige, japanische Pianist Hayato Sumino eine außergewöhnliche globale Präsenz aufgebaut. Er begeistert das Publikum in im Kurhaus in Wiesbaden mit Sergej Rachmaninows berühmten zweiten Klavierkonzert – einem Werk, das wie kaum ein anderes zwischen leidenschaftlicher Dramatik und inniger Lyrik vermittelt. Sumino erwies sich als Solist von außergewöhnlicher Ausdruckskraft und technischer Souveränität. Nichts wirkte schwer oder demonstrativ.
Er verband die virtuosen Anforderungen des Werkes mit Transparenz. Im ersten Satz verband er dramatische Energie mit nobler Klangkultur. Das Adagio sostenuto gestaltete er mit poetischer Zartheit. Die Melodien schwebten beinahe schwerelos über den Orchesterklang und entfalteten jene melancholische Schönheit, die Rachmaniows Musik unverwechselbar macht. Suminos Spiel besaß jene Mischung aus Präzision und Freiheit, die große Interpretationen ausmacht. Es wurde zu einer bewegenden musikalischen Erzählung über Sehnsucht, Leidenschaft und Hoffnung und zu einem Beweis dafür, warum Hayato Sumino heute zu den faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten seiner Generatioin zählt.
…und über allem schwebt das rätselhafte „Enigma“

Nach der Pause entführt das hr Sinfonie Orchester das Publikum mit Edward Elgars Enigma-Variationen op. 36 in eine zutiefst persönliche Klangwelt.
Elgars Enigma-Variationen sind weit mehr als ein virtuoses Orchesterwerk: Sie sind ein musikalisches Porträtalbum, eine Galerie von Freunden und Weggefährten, die Elgar mit feinem Humor, großer Zuneigung und psychologischem Gespür in Töne gefasst hat.
Jede Variation zeichnet einen anderen Charakter nach – mal heiter und verspielt, mal nachdenklich und innig, mal voller Temperament und Lebensfreude. Über allem schwebt das rätselhafte „Enigma“, das bis heute Anlass zu Spekulationen gibt und dem Werk den geheimisvollen Zauber verleiht.
Unter den funkelnden orchestralen Farben und den meisterhaft gezeichneten Charakterbildern offenbart sich eine Musik von tiefem menschlichem Gehalt. Ihren emotionalen Höhepunkt erreicht sie in der berühmten Variation „Nimrod“, deren Schönheit und stille Größe zu den bewegendsten Momenten der Orchesterliteratur zählen. So entfalten die Enigma-Variationen eine einzigartige Mischung aus Intimität und symphonischer Pracht – eine Werk voller Wärme, Menschlichkeit und zeitloser Eleganz.
Johanna Wenninger-Muhr