Triest: Eleganz und Erbe – ein literarischer Streifzug durch die einstige Habsburger Hafenstadt

Das Rathaus (Municipio) auf der Piazza dell´Unito d´Italia/Foto: Wikipedia/Diego Delso

Die Stadt Triest ist wegen ihrer geographischen Lage, ihres Hafens und der damit verbundenen Handelsbeziehungen zu Reichtum gelangt. Schon deswegen war sie für die Habsburger Monarchie von großer Bedeutung. Bis heute hat sie nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.

Wir überqueren die berühmte Piazza dell’Unita d’Italia (Platz der Einheit Italiens) und bewundern sowohl die ihn umsäumenden Prachtbauten des Palazzo del Municipo (Rathaus), des Grand Hotel Duchi d’Aosta, dem historischen Café degli Specchi (Spiegelcafé) als auch den Blick auf den direkt angrenzenden Hafen. Sofort spüren wir eine Art Gleichklang von mittendrin im Herzen der Stadt zu sein, aber auch draußen auf hoher See, auf den Wellen der Adria.

Der Hafen von Triest zählt zu den wichtigsten Seehäfen an der Adria. Er genießt als Freihafen einen besonderen Zollstatus.

Canale Grande/Foto: Suse Rabel-Harbering

Literaten und Cafés

Wir spazieren am Canale Grande entlang, der früher das Entladen großer Handelsschiffe direkt im Stadtzentrum ermöglichte. Heute ankern jedoch nur kleine Fischerboote.

Ein unverhofftes Treffen mit James Joyce/Foto: Suse Rabel-Harbering

An der Ponte Rosso treffen wir unverhofft James Joyce, einen der bedeutenden Literaten der Stadt. Der Künstler Nino Spagnoli erschuf die Bronzeskulptur, die der Magistrat anlässlich des hundertsten Jahrestages der Ankunft (2004) des irischen Schriftstellers errichten ließ. Im Sockel eingraviert sind die Worte „meine Seele ist in Triest“. Sie gefallen uns gut.

Lebensgroße Bronzestatue von Gabriele D’Annunzio, entspannt auf einer Bank sitzend, die Beine übereinandergeschlagen, auf der Piazza della Borsa/Foto: Suse Rabel-Harbering

Für Joyce und andere Schriftsteller wie Umberto Saba, Italo Svevo, Gabriele d’Annunzio, Kafka und Rilke waren die historischen Cafés, von denen die bedeutendsten noch erhalten sind, Orte der Begegnung und des Gesprächs. Das Älteste der Traditionskaffeehäusern das Caffé Tommaseo, das seit 1830 existiert, im historischen Zentrum von Triest, an der Piazza Tommaseo, direkt an der Uferpromenade, wirkt mit Stuck an Decken und Wänden edel, was durch die mit weißem Damast, mit Platztellern und Silber eingedeckten Tischen im Speisesaal noch zusätzlich unterstrichen wird. Da es nicht weit von unserem Hotel, dem James Joyce, einem sympathischen, einfachen Haus entfernt liegt, wird es zu unserem Lieblingscafé.

Zwischendurch überkommt uns eine Triester Attitude oder ist es schon die Sucht nach Kaffee – wenn wir im Stehen am Tresen im Antico Caffè  Torinese am Corso Italia Nr. 2  einen Espresso genießen, während wir gleichzeitig den prachtvollen Kronleuchter und die Deckenfresken bewundern.

Triest gehörte von 1382 – 1918 zur Donaumonarchie. Kein Wunder, dass sich hier eine Kaffeehauskultur nach Wiener Vorbild entfalten konnte. Im 19. Jahrhundert soll es um die fünfzig Cafés hier gegeben haben. Die historischen Kaffeehäuser erfreuen sich sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen großer Beliebtheit.

Caffè San Marco, Via Cesare Battisti 18, Triest

Im Antico Caffè San Marco tauchen wir ein in eine Welt des Jugendstils. Verspiegelte Wände reflektieren das Licht der floralen Wand- und Deckenleuchten. Sie verleihen der Szenerie mit typischem Interieur und Gästen eine angenehme Lebendigkeit. Es ist ein Fest für die Augen. Man weiß nicht, wo man zuerst hinschauen soll.

Der Sentiero Rilke – der Rilkeweg

Als wir in Sistiana, einem hübschen Küstenort nördlich von Triest aus dem Bus aussteigen, fragen uns zwei freundliche Italiener auf Deutsch, ob wir auf den Sentiero wollen. Steht es uns auf die Stirn geschrieben? Die Duineser Elegien sind doch im Rucksack verstaut. Dort hinten rechts an der Touristeninformation beginne er, sagen sie. Wir gehen die Hauptstraße entlang und biegen an der angedeuteten Stelle ab. Und schon breitet sich die ganze Pracht vor unseren Augen aus: der Golf von Triest, das Meer, die Bucht und die Marina von Sistiana und hoch oben der Karst. Nach wenigen Schritten auf dem ungefähr zwei Kilometer langen schmalen Klippenpfad des Sentiero Rilke, der zu Ehren des Dichters errichtet wurde, erblicken wir von einer fast überhängenden Aussichtsplattform das Schloss Duino.

Rilke hat 1912 hier seine Duineser Elegien begonnen als er einer Einladung der Schlossherrin Marie von Thurn und Taxis folgte. Die Prinzessin galt als eine kunstbeflissene und kenntnisreiche Mäzenin. Sie machte das auf den Klippen errichtete Schloss mit atemberaubendem Ausblick am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem beliebten Treffpunkt bedeutender Literaten, Künstler und Musiker.

„Siehe, wir lieben nicht wie die Blumen aus einem einzigen Jahr…. oh Mädchen, dies: dass wir liebten in uns nicht Eines, ein Künftiges… .“ Man meint den „Rilke Sound“ mit seiner sprachlichen Sensibilität zu spüren, die nach dem Unerreichbaren strebt. Darin werden Räume eröffnet, in denen längst Vergangenes aber auch das Innere der menschlichen Seele beherbergt ist. Sie verweisen auf Brüche des Menschen, hervorgerufen durch die Moderne und auch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Es sind die großen Fragen des Werdens und Vergehens, der Vergänglichkeit und des Todes, der Schönheit und des Zerfalls.

So wie in den Elegien längst Vergangenes mit Gegenwart und Zukunft verwoben ist, so erzählt das Schloss mit seinem Interieur und mit seiner geographischen Lage die Geschichte einer einst glanzvollen Vergangenheit.

Das Schloss wurde auf den Mauern eines römischen Vorpostens im 16. Jahrhundert erbaut. Von dem alles überragenden Turm kann man den Blick über das Naturreservat der Duineser Felsklippen, auf die Werft von Austino und weiter südlich auf das Schloss Miramare schweifen lassen.

Der Dichter muss trunken gewesen sein von der ihn umgebenden Schönheit der Natur aber auch der Großherzigkeit seiner Gastgeberin, der er eine seiner Elegien widmete. Doch er zog trotz überwältigender Schönheit weiter – immer auf der Suche nach Wandlung. „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfangs, den wir gerade noch ertragen.“ Schreibt er in seiner ersten Elegie. Fertiggestellt wurde das Werk, das zu seinem größten literarischen Erfolg zählt auf Schloss Mussot oberhalb von Sierre im Schweizer Kanton Wallis. Dort in der Einsamkeit wurden seine letzten Lebensjahre geradezu von einem erfüllenden Schaffensrausch beflügelt.

Via Napoleonica

Tags darauf sind wir auf der Strada Napoleonica unterwegs, einem weiteren wunderschönen Panoramaweg. Er beginnt am Obelisk von Opicina, einem kleinen Vorort von Triest. Man kann Opicina mit einer historischen Bahn vom Zentrum aus erreichen. Doch leider mussten wir auf das beliebte Transportmittel wegen Reparaturmaßnahmen verzichten. Auf dem Weg, der sich zwischen Karst und Küste auf 350 Meter Höhe entlang schlängelt, kann man die mediterrane Vegetation des Triester Karsts erkunden, den Blick über den Golf von Triest genießen und auf der anderen Seite das Geschick der Kletterer bestaunen, die mit akrobatischer Anmut die steilen Felswände des Karsts erklimmen.

In Prosecco verlassen wir die Strada Napoleonica und biegen ab nach Controvello. Ein Pfad führt uns an einem kleinen Teich mit Enten vorbei, an brachliegenden Weinbergen sowie an einem abgeholzten Olivenhain. Der Wald wird immer verwunschener. Während wir die steilen Steinstufen hinunter steigen ist es, als stiegen wir in die Unterwelt. Doch unten erreichen wir den ehemaligen Fürstenbahnhof von Miramare.

Der ehemalige Fürstenbahnhof Miramare, heute ein stillgelegter, restaurierungsbedürftiger und unbesetzter Haltepunkt, ist fußläufig etwa 500 Meter vom Eingang des Schlossparks Miramare entfernt/Foto: Suse Rabel-Harbering

Er wurde 1857 von Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, dem jüngeren Bruder von Kaiser Franz Joseph, errichtet, um Staatsgästen eine komfortable An- und Abreise zu ermöglichen. Nach Überqueren der still gelegten Gleise gelangen wir schließlich in den Schlosspark von Miramar. Welch ein Kontrast zwischen der ursprünglicher Naturlandschaft einerseits und harmonisch gestalteter Landschaftsarchitektur andererseits.

Schloss Miramare

Das Schloss Miramare (Gartenseite) bei Triest/Foto: Wikipedia/JensKunstfreund

Das Schloss mit seiner weißen Kalksteinfassade liegt hoch oben auf einem Felsvorsprung in der Bucht von Grignano ungefähr sieben Kilometer von Triest entfernt. Umgeben von einem über zwanzig Hektar umfassenden Park, der sich – wie könnte es anders sein, denn das Anwesen heißt Miramare, übersetzt also Meerblick – zum Meer hin öffnet.

Das Schloss Miramare bei Triest von der Seeseite/Foto: Wikipedia/JensKunstfreund

Erzherzog Ferdinand Maximillian von Österreich ließ es in den Jahren 1856 – 1860 errichten, nachdem er von seinem Bruder Kaiser Franz Joseph I. zum Oberbefehlshaber der österreichischen Kriegsmarine ernannt wurde, deren wichtigster Hafen Triest war. Nach dem Tod des Erzherzogs im Jahr 1867  diente es der kaiserlichen Familie als Sommerfrische. Kein Wunder, dass man in der gut besuchten Schlossbuchhandlung auch zahlreiche, immer begehrte Souvenirs von Kaiserin Sissi findet.

Ein Teil des Parks ist als italienischer Garten mit geometrischen Rabatten angelegt, in denen jetzt im Frühjahr Tulpen, Krokusse und Narzissen ihre bunte Blütenpracht entfalten. Im anderen, nach englischem Vorbild gestaltet, findet man neben der einheimischen mediterranen Vegetation wie Lorbeersträucher, Zypressen, Myrten und Holunder auch exotische Gewächse.

Wir lassen uns im Teepavillon zu einer Kaffeepause nieder und genießen einen köstlichen Espresso und den weiten Blick hinaus aufs Meer, bevor wir uns auf den Weg zurück nach Triest machen.

Suse Rabel-Harbering

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