Etablierte Luftfahrtkonzerne müssen Schritt halten mit innovativen Ideen von Start ups

Die Entwicklung umweltschonender Mobilitätskonzepte wird eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte/Foto: Dassault Systemes

Die Entwicklung umweltschonender Mobilitätskonzepte wird eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sein. Ein interessanter Aussteller der diesjährigen Paris Air Show hierzu war „Dassault Aviation“, eine Tochtergesellschaft des multinationalen Software-Entwicklungsunternehmens „Dassault Systemes“. Etablierte Luftfahrtkonzerne müssen Schritt halten mit innovativen Ideen von Start ups, die auf den Markt drängen, sagt CEO David Ziegler.

Herr Ziegler, Dassault Systèmes ist als multinationales Software-Entwicklungsunternehmen bekannt für 3D Design Software, 3D Digital Mock-up und Product-Lifecycle-Management (PLM)-Lösungen. 1981 wurde die Tochtergesellschaft Dassault Aviation gegründet. Was war der Grund dafür?

Die Geschichte von Dassault Aviation reicht bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts, als das Unternehmen gegründet wurde. In den 1980er Jahren entwickelte Dassault zunehmend Computerprogramme für die Konstruktion. Die Markteinführung der 3D Software CATIA markierte auch die Gründung von Dassault Systèmes. Damals wurde entschieden, eine neue Softwaresparte zu gründen, um diesen neuen Markt zu aufzubauen.

Dassault Systèmes unterstützt Dassault Aviation mit seiner 3D Design Software Start-ups und multinationale Konzerne dabei, neue Wege im Bereich der Luftfahrt zu gehen. Können Sie Beispiele nennen?

Viele kleine und große Unternehmen aus der Luftfahrt setzen auf die 3DEXPERIENCE Plattform. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist das US-amerikanische Unternehmen Boom Supersonic, welches die 3DEXPERIENCE Plattform zur Konstruktion und Entwicklung seines Überschall-Verkehrsflugzeugs Overture einsetzt. Damit könnte es schon bald möglich sein, in etwas mehr als 3 Stunden von New York nach London zu reisen. Ein anderes Beispiel ist das französische Start-up XSun, welches auf der diesjährigen Paris Air Show den Prototypen seines energieunabhängigen, autonomen und unbemannten Luftfahrzeugs (UAV) SolarXOne SX1.2 präsentierte. Damit lassen sich vollständig automatisierte Einsätze in der Landwirtschaft, in der Fischerei und beim Umweltschutz realisieren.

Wie muss man sich diese Unterstützung konkret vorstellen?

Mit seinem 3DEXPERIENCE Lab „Startup Accelerator“ Programm unterstützt Dassault Systèmes Start-ups dabei, ihre Ideen innerhalb kurzer Zeit auf den Markt zu bringen. Sie erhalten Zugang zur 3DEXPERIENCE Plattform sowie zum nötigen Wissen und Know-how. Des weiteren können Unternehmen durch den 3DEXPERIENCE Twin, einem virtuellen Zwilling innerhalb der Plattform, die Produktionsdauer von Prototypen halbieren und Ressourcen besser nutzen. Insbesondere Start-ups mit wenig Budget bekommen dadurch ein Werkzeug an die Hand, um ihre innovativen Ideen für die Zukunft der Luftfahrt zu realisieren.

Wie unterstützen Sie bei umweltschonenden Mobilitätskonzepten?

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind Werte, die stark in unserem Unternehmen verankert sind. Die Entwicklung umweltschonender Mobilitätskonzepte wird eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sein – ob in der Luftfahrt oder auch in anderen Branchen. Dassault Systèmes versteht sich hierbei als Enabler dieser nachhaltigen Industrie Renaissance. Nehmen wir hierzu das Beispiel eines Solarflugzeuges: Die größte Herausforderung besteht darin, dass durch Solarenergie angetriebene Flugzeuge nicht nur tagsüber, sondern auch nachts zum Einsatz kommen sollen. Die Solarzellen müssen also genug Energie aufnehmen, um nicht nur einen Motor anzutreiben, sondern auch Batterien zu laden. Mit unserem heutigen Wissen müsste solch ein Flugzeug eine gigantische Spannweite von 72 Metern und gleichzeitig ein sehr geringes Gewicht von maximal 2,3 Tonnen aufweisen. Damit unterscheidet sich solch ein Flugzeug von allen bisherigen Flugzeugtypen. Folglich muss jedes Bauteil neu gedacht werden – vom Motor bis zum Rumpf. Mithilfe von virtueller Simulation in der 3DEXPERIENCE Plattform wird es möglich, alle Aspekte im Vorfeld zu testen und dieses komplexe Vorhaben letztlich effizient und kostengünstig umzusetzen.

Wie können Nachhaltigkeitsaspekte von Beginn an in die Entwicklung miteinbezogen werden?

Wie im eben genannten Beispiel skizziert, ermöglicht es die 3DEXPERIENCE Plattform von Beginn an, verschiedene Kriterien in die Entwicklung eines Produktes einfließen zu lassen – von der Konstruktion bis hin zu Aspekten der Logistik, wie Verpackung und Transport. Diese Durchgängigkeit der Daten ermöglicht es, dass Produkt und Produktion der Zukunft von Beginn an auf spätere Herausforderungen hin angepasst und optimiert werden können. Beispielsweise kann so auf die Herstellung unzähliger „Einweg“-Prototypen verzichtet werden, die für viele Schritte der Entwicklung notwendig wären. Die Digitalisierung der Herstellung schafft so mehr Flexibilität im Einsatz bei gleichzeitiger Ressourcenschonung.

Arbeiten sie mit den Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zusammen?

Wir haben eine starke Verbindung mit dem Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Diese ist zentraler Bestandteil bei der Entwicklung von Systems Engineering Modellierungssprachen wie etwa Modelica, die ein Teil unserer Engineering-Anwendung CATIA ist. Eines unserer wichtigsten Innovationszentren im Bereich Aerospace & Defense haben wir zudem im ZAL (Zentrum für Angewandte Luftfahrforschung) in Hamburg angesiedelt. Zudem besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen uns und dem Fraunhofer Institut in verschiedenen Bereichen der industriellen Forschung.

Vor welchen zukünftigen Herausforderungen sehen Sie die Luftfahrtbranche?

Die Luftfahrtbranche wird sich in den kommenden Jahren rasant verändern. Aktuell erleben wir schon, dass immer mehr Start-ups mit innovativen Ideen auf den Markt drängen. Eine Herausforderung für große, etablierte Luftfahrtkonzerne wird es daher sein, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten. Gleichzeitig gilt es, die neuen Ideen von Start-ups zur Marktreife zu bringen. Zudem wird der Nachhaltigkeitsgedanke in Zukunft von immer größerer Bedeutung sein – egal ob bei den Passagieren oder bei den Herstellern.

Ist es u.a. die Zugehörigkeit von Dassault Aviation zu Dassault Systèmes, die Sie von anderen Flugzeug-Herstellern unterscheidet?

Dassault Aviation hat langjährige Erfahrung im Flugzeugbau. Dassault Systèmes wiederum das nötige Wissen und Know-how in der Simulation und durchgängigen Digitalisierung von Prozessen. Beides Zusammen schafft eine fruchtbare Grundlage für Innovationen und gewährleistet deren schnelle und effiziente Umsetzung.

Interview: Johanna Wenninger-Muhr

David Ziegler, Vice President Aerospace&Defense

leitet das weltweite Geschäft von Dassault Systèmes und entwickelt branchenführende Lösungen auf Basis der 3DEXPERIENCE-Plattform. Er hatte mehrere Positionen in der Luft- und Raumfahrtindustrie inne, zuletzt bei Paris Aéroports. Davor war er 14 Jahre lang bei Airbus in leitenden Positionen in den Bereichen Vertrieb und Geschäftsentwicklung in Frankreich und in den USA tätig. Zieglers Karriere in der Luft- und Raumfahrt begann mit dem Abschluss des  Masters of Science in Aerospace Engineering bei Supaero, gefolgt von einem MBA bei INSEAD.

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