Lufthansa-Sparprogramm „Renew“: Kosten reduzieren und Neues aufbauen

Lufthansa-Chef Carsten Spohr/Foto: dpa

Das erste Hilfsgeld aus dem 9-Milliarden-Euro-Paket des Staats ist geflossen. Jetzt  hat der Lufthansa-Konzernvorstand mit dem Sparprogramm „Renew“ weitere Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Krise beschlossen.  Diese betreffen nicht nur die Zahl der Flugzeuge, sondern auch die Führungskräfte und die Verwaltung. So soll im Konzern, der bis zum Jahr 2023 um 100 Flugzeuge schrumpfen soll, jede fünfte mit einer Führungskraft besetzte Stelle gestrichen werden. In den Büros werden 1000 Verwaltungs-Arbeitsplätze abgebaut, wie Lufthansa am 8. Juli  mitteilte.

Der Konzern hatte zuvor seinen Personalüberhang auf 22.000 Vollzeitstellen beziffert. Aktuell hat das Unternehmen 138.000 Mitarbeiter. Das unter dem Namen „Renew“ (Erneuern) aufgelegte Sparprogramm macht auch vor Vorständen nicht Halt. Nach dem Abgang von Digitalvorstand Thorsten Dirks vor zehn Tagen hatte der Konzern schon mitgeteilt, dass der Konzernvorstand nunmehr dauerhaft eine Person kleiner sein soll. Auch die Leitungsgremien von Lufthansa Cargo, der LSG und der Pilotenausbildungseinheit Lufthansa Aviation Training wird um je eine Person verkleinert.

Sparen heißt in dem Fall aber nicht nur Abbauen, der Vorstand hat auch beschlossen, etwas Neues aufzubauen: eine neue Betriebseinheit für Ferienflüge. Strecken, die vornehmlich von Urlaubern genutzt werden, die ihre Reisen bei Pauschalreiseanbietern buchen, waren bislang überwiegend der Tochtergesellschaft Eurowings  zugeordnet. Für Starts in Frankfurt und München soll nun eine neue Einheit geschaffen werden. Offen ist bislang, ob dafür auch eine zusätzliche Marke eingeführt wird – oder ob der Konzern in der aktuellen Sparphase die Kosten für das Umlackieren von Flugzeugen und das Bewerben eines neuen Namens scheut.

Eigene Plattform für Touristik?

Für Fernziele wie die Karibik kursierten solche Überlegungen schon länger, nun sind sie auch auf nähere Urlaubsziele – zum Beispiel rund ums Mittelmeer – ausgedehnt worden. Und das kündigt Lufthansa etwas verklausuliert an. „Die bereits geplante Reduzierung von Teilflotten und die Bündelung von Flugbetrieben wird umgesetzt – inklusive der touristischen Lang- und Kurzstreckenangebote an den Drehkreuzen Frankfurt und München“, heißt es in der Mitteilung. Zuvor hatte Vertriebschefin Heike Birlenbach in einem Interview mit dem Reisefachmagazin „FVW“ angedeutet, es werde „möglicherweise eine eigene Plattform beziehungsweise eine eigene Gesellschaft geben, deren Fokus dann im Wesentlichen touristische Kurz- und Langstrecken an den Lufthansa-Hubs sein werden.“ Nun folgte die Weichenstellung des Konzernvorstands.

Dahinter steckt ein Vorhaben mit Konfliktstoff. Zunächst kann die Aussicht den Rivalen Condor beunruhigen, der einst als Tochtergesellschaft der Lufthansa wuchs, bis der Konzern 2009 seinen letzten Anteil abgab. Denn für Ferienflüge ab Frankfurt ist Condor, die ebenfalls durch staatliche Überbrückungshilfe gestützt wird, aktuell der Platzhirsch.

Mit Ausnahme von Fernflügen gen Karibik gibt es kaum Konkurrenz zum Lufthansa-Konzern. Der hatte bislang die Mittelstreckenflotte von Eurowings aus Frankfurt ferngehalten. Auch in München ist der Konzern nur mit einem Rumpfangebot an Eurowings-Ferienflügen präsent. Das könnte sich nun ändern. Lufthansachef Carsten Spohr hatte schon angekündigt, in den nächsten Jahren stärker Urlauber als Passagiere in den Blick zu nehmen. Denn die Erholung im Geschäft mit Geschäftsreisenden dürfte sich länger hinziehen, da Unternehmen in die Corona-Krise stärker auf Videokonferenzen gesetzt haben.

Spannungen mit Gewerkschaften

Für Spannungen kann der Urlaubsflugplan auch mit den Gewerkschaften  sorgen. Denn es dürfte kaum angestrebt sein, dass das Personal der neuen Betriebseinheit komplett dem Konzerntarif unterliegt. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hat in den laufenden Verhandlungen um einen Sparbeitrag des Personals schon davor gewarnt, „die geltenden Tarifbedingungen durch den Aufbau neuer Plattformen zu unterminieren“. Im Gegensatz zur Flugbegleitergewerkschaft Ufo hat sich die VC noch nicht mit Lufthansa auf Einsparungen geeinigt.

Bislang hatte der Konzern für Eurowings-Fernflüge ab Frankfurt eine komplizierte Konstruktion genutzt. Flugzeuge waren in Eurowings-Farben lackiert und an die Beteiligung Sun Express Deutschland vermietet worden, die sie mit eigenem Personal einsetzte, das nicht dem Konzerntarif unterliegt. Mancher betrachtete das ohnehin schon argwöhnisch.

In der Corona-Krise wird nun der deutsche Teil von Sun Express – einem Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa und Turkish Airlines – geschlossen. Das alte Urlauber-Fernflug-Konstrukt wird abgelöst, das Nachfolgemodell auch für das aufkommensstärkere Geschäft mit kürzeren Urlauberflügen ausgerollt.

Laut Konzern ist der Umbau alternativlos

Der Konzern stellt den Umbau als nahezu alternativlos dar, um die finanziellen Folgen der Krise bewältigen zu können. „Die vollständige Rückführung der staatlichen Kredite und Einlagen inklusive der Zinszahlungen wird das Unternehmen in den kommenden Jahren zusätzlich belasten, sodass nachhaltige Kostensenkungen auch aus diesem Grund unausweichlich werden“, teilte Lufthansa mit.

Mit der Verkleinerung der Flotte von 760 Flugzeugen um 100 Jets kommt man derweil voran. Fünf ältere Boeing-Jumbos der Reihe 747-400, elf Airbus-Mittelstreckenflieger vom Typ A320 und sechs A380-Großflugzeuge wurden schon dauerhaft aus der Flotte genommen. Neuanschaffungen werden gestreckt. „Die Finanzplanung bis 2023 sieht die Abnahme von maximal 80 neuen Flugzeugen in die Flotten der Lufthansa Group vor“, hieß es. Damit würde kein Flugzeug über die in der Staatshilfe-Rahmenvereinbarung von Bund und Konzern genannte Zahl hinaus hinzu geholt. Das halbiere das Investitionsvolumen in neue Flugzeuge bis 2023, so Lufthansa.

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