Viele neue Ideen: hier die Zukunft der „Allgemeinen Luftfahrt“

Quo vadis Luftfahrt?/Foto: dlr.de

Die Zukunft liege in der „Allgemeinen Luftfahrt“, schreibt Nina Naske, Luftrechtsexpertin, auf airliners.de am 29. August 2020. Sie ist überzeugt, dass die Zukunft der Luftfahrt die  „Allgemeine Luftfahrt“ sei, der Luftverkehr abseits des Linienflugverkehrs der großen Fluggesellschaften. Spätestens im Frühjahr 2020, als viele Staaten der Erde ihre Grenzen schlossen, sei klar gewesen, dass die SARS-CoV-2/COVID-19-Pandemie auch die Luftfahrt empfindlich treffen würde.

Der Urlaubsreiseverkehr sei seitdem beinahe vollständig verschwunden, wenngleich überraschend viele Menschen die Lockerungen der Schutzmaßnahmen für Reisen in die europäischen Nachbarstaaten in diesem Sommer nutzten. Geschäftsreisen seien selten geworden, viele Dinge des Geschäftslebens ließen sich  per Videokonferenz, Telefon und E-Mail oder Messenger besprechen.
Ohnehin sei das Geschäftsleben durch die Staatsmaßnahmen erheblich gestört, weltweit und auch in der Europäischen Union und Deutschland erlebe man die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit.

Das, so Naske, seien genügend Gründe, die Ärmel hochzukrempeln und die Gestaltung der Zukunft anzupacken. Zeiten der Krise seien Zeiten der Veränderung. In der Veränderung liegen die Chancen für Verbesserungen und das Neue.

Weg vom zentralisierten Luftverkehr?

In einem sich verändernden Luftverkehrsmarkt könnten agile Unternehmen sich behaupten, Neugründungen und Startups könnten die Veränderungen beschleunigen und sich am Markt etablieren. In der Luftfahrt könnte das vor allem dann funktionieren, wenn der Wechsel vom zentralisierten Luftverkehr der Großflugzeuge, Großflugplätze und Großkonzerne hin zu einer schnellen, agilen und vom lebhaften Wettbewerb geprägten Allgemeinen Luftfahrt gelänge.

Dazu brauche man viele kleine Flugplätze, kleine Luftfahrzeuge und Unternehmen, die sich in dieser Infrastruktur agil bewegen und ihre Kunden begeistern. Flugreisende und Fracht könnten kürzere Strecken fliegen, sie wären direkt am Ziel ohne lange Anreise oder Umwege. Die Angebotspalette müsste sich erweitern. Viele wollten einfach nur schnell und sicher ans Ziel, das Flugzeug müsse dafür robust und der Ablauf von Check-In und Check-Out zügig sein. Fracht sei i noch anspruchsloser, müsse aber dafür noch umso reibungsloser befördert werden können.

Wenn in Zeiten der Corona-Pandemie vor allem Unternehmen wie Amazon ihre Umsätze steigern, dürfte das zudem die Richtung für die Fracht anzeigen. Menschen wollen ihre Pakete am nächsten Tag vor der Tür haben. Je kürzer die letzten Meter mit dem Straßenfahrzeug, desto besser klappe das.

Aber warum Allgemeine Luftfahrt?

Warum all das gerade die Chancen der Allgemeinen Luftfahrt erhöhe? Mit Allgemeiner Luftfahrt werde üblicherweise der Luftverkehr abseits des Linienflugverkehrs der großen Fluggesellschaften bezeichnet. Die Allgemeine Luftfahrt abseits der Linienflüge von Lufthansa, Air France-KLM, Ryanair, Easyjet und all den anderen groß gebliebenen oder groß gewordenen Konzernen gäbe es seit Jahrzehnten. Auch die Infrastruktur dafür habe die Europäische Union seit langem vorgehalten, allein in Deutschland gäbe es über 70 kleine Flugplätze. Doch bisher habe die Vielzahl der Passagiere und eine große Menge des Frachtverkehrs noch wenig Nutzen aus dieser Möglichkeit ziehen können. Den Markt dominierten die großen Fluggesellschaften, die große Flugzeuge auf feststehenden Strecken zwischen großen Verkehrsflughäfen bewegen.

Jetzt gehe es darum, die Vorteile der Allgemeinen Luftfahrt für alle nutzbar zu machen. Die Europäische Union brauche offene Grenzen und die Möglichkeit für ihre Bürgerinnen und Bürger, einander zu besuchen, Geschäfte miteinander zu machen, Freundschaften zu schließen und Familien zu gründen. Je kleiner die Entfernung nicht mehr nur zwischen den Hauptstädten, sondern zwischen jenen Orten wird, an denen so viele von uns gern leben, desto besser. Es gehe darum, schnell und reibungslos nicht nur von Berlin nach Paris zu reisen, sondern endlich auch von Poznan nach Bordeaux, von Tampere nach Dun Laoghaire, von dort, wo Sie leben und Ihr Geschäft betreiben, direkt zu Ihren Freunden und Geschäftspartnern in dieser Kleinstadt irgendwo in Italien, Schweden und anderswo.

Es seien auch längst nicht mehr nur die Idealisten, die davon träumen. Angesichts der konkreten Gefahren der SARS-CoV-2/COVID-19-Pandemie und der Möglichkeiten, sich davor zu schützen, sei vielen Menschen bewusst geworden, dass die Ansammlung sehr vieler Menschen an einem Ort für jeden Einzelnen erhöhte Gefährdung bedeuten kann. Ein Flughafen groß wie München oder Frankfurt gerate schnell zum Superspreader-Event für tausende Menschen, wenn dort etwas schiefläuft.

Anders hingegen sähe die Lage aus, wenn die Luftfahrt möglichst dezentral abgewickelt würde. An den kleineren Flugplätze könnten sich meist nur einige hundert oder noch weniger Menschen zugleich aufhalten. Ereignisse an einem dieser kleinen Flugplätze wirkten sich deshalb auf eine viel geringere Anzahl von Menschen aus. Wer nur mit seiner Familie oder Geschäftsfreunden in einem kleinen Flugzeug reise, werde einem deutlich geringeren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sein. Vorkommnisse in einem Flugzeug mit Platz für vier, sechs, acht Menschen wirkten sich für wenige Menschen aus.

In der heutigen Zeit der Veränderungen seien deshalb agile Unternehmen, Neugründungen und Startups gefragt, die den dezentralen Luftverkehr demokratisieren. Flugplätze müssten sich am Markt positionieren. Mag sein, dass es noch einige Zeit nicht ohne Staatsbeihilfen gehen werde, zumal in der aktuellen Krise. Die wichtigere Frage sei aber, wofür die Beihilfen genutzt werden. Die Antwort sollte darin liegen, den Zugang zum lokalen Luftverkehr für alle zu ermöglichen. Neue Luftfahrtunternehmen müssten entstehen, die Flotten der kleineren Flugzeuge betreiben und ihr Angebot auf jeden von uns ausrichten oder sich auf Fracht spezialisieren. Passagiere würden mühelos buchen wollen, Unternehmen vor Ort ihre Fracht ohne viel Aufwand auf den Weg bringen.

Damit all das funktioniere, werde  es noch auf viele weitere Bedingungen ankommen. Skeptiker könnten eine lange Liste erstellen. Zu vielen Punkten dürfte sich die Lösung allerdings vor allem aus weniger Vorschriften, weniger Bürokratie und mehr Freiheit für die Unternehmen ergeben. Je weniger Regulatorik den Alltag beherrsche, desto mehr Zeit bleibe für die eigentliche Aufgabe, Flugreisende oder Fracht schnell und sicher ans Ziel zu bringen.

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Klingt alles wunderbar, sogar zum Teil sogar logisch.  Wo aber bleiben die Vorschläge für eine umwelt- und klimagerechte Luftfahrt? Auch das muss mitgedacht werden. Die Welt ist ein klein wenig komplexer! Eine Lösung mit  „Allgemeiner Luftfahrt“ ist sicherlich mit einer grünen Regierungsbeteilung nach der Bundestagswahl 2021 undenkbar. Noch mehr Flugzeuge, noch mehr Verbindungen, noch mehr Starts und Landungen?

Schöne neue Wel? Und was nun? jwm

Quelle: airliners.de

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