Nach den Sternen suchen und greifen, um aufzuholen

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund, CEO des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)/Foto: Johanna Wenninger-Muhr

Im Rahmen des „Wirtschaftsgipfel Deutschland 2018“ am 22. September in Frankfurt am Main, dem Tag der kritischen Selbstreflexion mit der provokanten Frage „Deutschland im Stillstand?“ stellte sich auch die Frage, ob Deutschland auch auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung stehen geblieben sei. Die Antwort von Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund, CEO des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR): „In der Forschung müssen wir nach den Sternen suchen und greifen, um aufzuholen.“ Visionsblog.info wollte mehr dazu erfahren und fragte Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund.

Visionsblog.info: Frau Professor Ehrenfreund, „nach den Sternen suchen und greifen, um aufzuholen“, können Sie das konkretisieren?

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund: Ja. Der „Griff zu den Sternen“ bedeutet für die Forschung die großen Projekte der digitalen Transformation in Angriff zu nehmen. Bisher – das kann jeder beobachten – spielen sich diese Prozesse  im Wesentlichen außerhalb Europas ab. Google, Amazon, Facebook oder Apple sind nun mal keine europäischen Erfindungen. Trotz starker Unternehmen, großartiger Forschungseinrichtungen und hervorragender Universitäten hierzulande schaffen wir es bisher nicht, mit dem globalen Tempo im Rennen um Innovationen in diesem Bereich mitzuhalten. Das DLR hat dafür in seiner Strategie 2030 die Digitalisierung als Querschnittsbereich seiner Forschung definiert. Das bedeutet, dass wir hier einen interdisziplinären Ansatz wählen und die Einzelaktivitäten zu einem Ganzen zusammen führen, um den maximalen Nutzen zu erzeugen.

Visionsblog.info: Auch Forschungseinrichtungen wie Europas größte Forschungsgemeinschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft mit 38 000 Forscherinnen und Forschern, schaffen es nicht, mit dem globalen Tempo Schritt zu halten. Woran liegt das?

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund: So pauschal möchte ich dem nicht zustimmen. Die Mitglieder der HGF betreiben jeder für sich einzigartige Forschungsarbeiten, die den globalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Doch dürfen wir hier nicht national denken, sondern müssen uns der europäischen Ebene widmen. Es gibt sicherlich einen ganzen Strauß von Ursachen für die Stagnation in Europa. Europa ist sehr heterogen aufgestellt und möglicherweise in seiner Mentalität eher bürokratisch, prozessorientiert und nicht so risikobereit wie etwa die USA. Das macht langsamer. Außerdem  ist es ein Erfolgshemmnis für die Innovationsforschung, dass wir nicht genug Nachwuchs in den MINT-Fächern in Deutschland und Europa haben. Hinzu kommen die geringe Risikobereitschaft bei der Forschung und der Forschungsförderung, der teils zu langsame Tech-Transfer und die geringen Mengen an Risikokapital und Anreize für Investoren, zum Beispiel die Bereitschaft öffentliche Forschungsförderung und privates Kapital miteinander zu verknüpfen.

Visionsblog.info: Woran liegt es, dass die Publikationsrate der Arbeiten über die Künstliche Intelligenz hierzulande stagniert? In China, sagten Sie, flössen Milliarden in die KI-Erforschung. Liegt es am Geld?

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund: Die innovativsten Ideen werden heute von der Privatwirtschaft angetrieben und finanziert, wie etwa bei Tesla, Alphabet, Amazon oder auch Alibaba in China. Schaut man aber genauer hin, wird deutlich, dass immer wieder die grundlegenden Technologien für Innovationen auf Basis staatlicher Förderung entwickelt werden. Schauen sie sich zum Beispiel das iPhone an. Hinter den einzelnen Schlüsseltechnologien, die diese „smart“ machen, stehen letztlich ausschließlich große öffentlich finanzierte Forschungseinrichtungen (CERN, NSF, NIH, DARPA etc.) oder andere öffentlich finanzierte Forschung (DoD, DoH u.a.). „In fact, there is not a single key technology behind the iPhone that has not been state-funded”, sagt die Autorin Mariana Mazzucato in ihrem Buch “The Entrpreneurial State”. Hier wird deutlich, dass die Politik gefordert ist, noch viel mutiger Schwerpunkte zu setzen, Innovationsarbeit entlang der gesellschaftlichen Herausforderungen zu definieren und zu fördern. Da reicht das bisherige Förderinstrumentarium nicht unbedingt aus. Auf diese Weise bekommen wir auch mehr wissenschaftliche Publikationen und das dort präsentierte Wissen erzeugt die notwendigen Innovationen.

Visionsblog.info: Wird der Nachwuchs, werden die Kinder, die Jugendlichen in Deutschland und Europa, zu wenig für die Forschung begeistert?

 Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund: Als Forschungseinrichtung sehen wir es als eine unserer grundlegenden Aufgaben an, bereits Kindern und Jugendlichen die Faszination der Forschung zu vermitteln. In den vom DLR in Deutschland betriebenen 13 School_Labs absolvieren Jahr für Jahr tausende Nachwuchsforscher erlebnisreiche Stunden und Tage. Zum Teil sind diese Einrichtungen auf Monate hin ausgebucht. Gerade 2018, mit der Horizons-Mission von Alexander Gerst und unsere, Asteroidenlander Mascot, ist ein wachsendes Interesse an der Raumfahrt zu spüren. So haben in den letzten Wochen mehr als 22 000 Kinder unsere Raumfahrtshow besucht.
Ich würde mir sehr wünschen, dass es noch viel mehr an solchen Aktivitäten geben würde, um die Nachwuchsarbeit im MINT-Bereich auf eine breitere Basis zu stellen.

Visionsblog.info: Man müsse zusammenarbeiten in der demografischen Herausforderung. Dies bedeute interdisziplinär in der Forschung, beim Klimaschutz, beim demografischen Wandel, bei der Urbanisierung neue Lösungen finden. Mit welchen Einrichtungen arbeiten Sie global zusammen?

Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund: Nationale und internationale Kooperation sind für Wissenschaftler essentiell. Oft sind die finanziellen Aufwendungen für einzelne Projekte und Missionen so hoch, dass diese von einer einzelnen Nation nicht getragen werden können. Das DLR kooperiert weltweit mit über 400 Partnern, d.h. mit anderen Forschungseinrichtungen, Universitäten, Industrieunternehmen und staatlichen Institutionen. Gerade in der Luft- und Raumfahrt gibt es einen hohen Grad an spezialisiertem Wissen, aber auch in den Bereichen Energie und Verkehr arbeiten wir weltweit mit Einrichtungen zusammen um innovative und zukunftsgerichtete Lösungen zu entwickeln. Um nur einige Beispiele zu nennen: Erst kürzlich haben wir einen Kooperationsvertrag mit der Universität Navarra in Spanien geschlossen mit dem Ziel, gemeinsam Lösungen für aktuelle Verkehrsprobleme zu finden sowie Innovationen für die Zukunft von Mobilität und Verkehr in Europa zu entwickeln. Mit der University of British Columbia und der Universität Augsburg haben wir wiederum eine Kooperation zu neuen Fahrzeugstrukturen vereinbart. Zudem ist das DLR Mitglied der Internationalen Charta für Weltraum und Naturkatastrophen, die weltraumgestützte Daten und Informationen zur Unterstützung von Hilfsmaßnahmen in Katastrophenfällen zur Verfügung zu stellt. Und schließlich, in der Weltraumforschung, ist die Internationale Raumstation ISS das beste Beispiel, was man erreichen kann, wenn man es nur gemeinsam will. Nur in einer globalen Kooperation wird es gelingen, die globalen Herausforderungen zu bewältigen.

Interview: Johanna Wenninger-Muhr

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